J. Tetsch / P. Tetsch

Zahnärztliche
Implantate


Ein Ratgeber für Patienten

5. überarbeitete Auflage

2 Implantate (künstliche Zahnwurzeln)

In einem zahnlosen Kieferabschnitt können Implantate (künstliche Zahnwurzeln) direkt im oder am Kieferknochen oder in der Schleimhaut verankert werden. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die besten Ergebnisse dann erzielt werden, wenn die Implantate direkt in den Kieferknochen eingepflanzt werden. Man bezeichnet solche Implantate als enossale Implantate. Sie werden von Patienten gerne mit „Dübeln“ verglichen, und sie gleichen diesen in gewissem Sinne tatsächlich (Abb. 2.1).

Abb. 2.1:
Auswahl von zylinder- und schraubenförmigen Titanimplantaten

Implantate können einteilig oder mehrteilig sein. Gängiger sind mehrteilige, zusammengesetzte Implantate. Sie bestehen aus drei Teilen: dem Körper, der im Knochen verankert wird, dem Kopfteil, auf dem die künstliche Zahnkrone befestigt wird, und dem Halsteil, der genau zwischen diesen beiden Teilen liegt, im Mund also im Bereich der Schleimhaut. Nach einer Einheilungszeit des Implantatkörpers im Kieferknochen wird die Zahnkrone für jeden Menschen und für jede Kieferregion in spezieller Form und Farbe angefertigt und z.B. in einer Steck- Schraubverbindung des Implantates fixiert (Abb. 2.2).

Abb. 2.2:
Innengeometrie eines eingesetzten Implantates

Im Gegensatz zu den „Dübeln“, die ein Handwerker verwendet, müssen Implantate noch eine weitere Bedingung erfüllen: sie müssen im lebenden Kieferknochen einwachsen und den vielfältigen Belastungen standhalten, die während des Kauens auftreten.

Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn die Implantate mit dem Knochen fest verwachsen. In Schweden wurde vor etwa 40 Jahren bei Untersuchungen am Knochen festgestellt, dass dieses feste Einwachsen stattfindet, wenn der Implantatkörper aus Titan besteht. Diese Art der Einheilung wird als Osseointegration bezeichnet. Sie lässt sich inzwischen auch bei anderen Materialien, wie z.B. Keramiken, beobachten. Dennoch wird die größte Zahl der enossalen Implantate aus Titan hergestellt, das manchmal auch mit ande­ren Materialien kombiniert wird. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Titan vom Körper angenommen wird und nachteilige Einflüsse, wie z.B. Allergien, nicht auftreten. Dabei ist Titan ein relativ unedles und häufig vorkommendes Metall, das allerdings schwer zu bearbeiten ist. Daraus erklären sich die relativ hohen Materialkosten. Die besondere Gewebeverträglichkeit, die so genannte Biokompatibilität, ist da­rauf zurückzuführen, dass sich auf der Oberfläche in Verbindung mit Sauerstoff sehr stabile Schichten (Oxide) bilden. Sie verhindern, dass im menschlichen Körper in größerem Umfang Teilchen abgegeben werden, die das angrenzende Gewebe schädigen können (Metallose) und die zur Auflösung des Metalls (Korrosion) führen würden.

Ähnlich verhält es sich auch mit bestimmten Keramiken, wie z.B. Aluminiumoxid und Zirkoniumoxid, die allerdings noch nicht so bruchfest sind. In einigen Fällen sind solche Implantate unter der Kaubelastung oder auch bei geringfügigen Gewalteinwirkungen gebrochen.

Als besonders gewebefreundlich haben sich bestimmte Keramiken erwiesen, die in ihrer Zusammensetzung dem Knochen sehr ähnlich sind, die so genannten Hydroxylapatit-Keramiken. Sie bestehen – wie Knochen – aus Kalzium und Phosphat in einer bestimmten Zusammensetzung. Sie werden synthetisch hergestellt oder aus Algen oder Korallen gewonnen. Der Nachteil ist allerdings die geringe Stabilität (Biostabilität), sodass sie lediglich als Knochenersatzmaterialien (siehe Abschnitt 7) Verwendung finden. In jüngerer Vergangenheit wird Zirkoniumoxid von einigen Firmen als Implantatmaterial verwendet. Um in Konkurrenz zu dem bewährten Werkstoff Titan zu gehen, fehlen aber zuverlässige Langzeitergebnisse. Problem ist auch hier die Bruchfestigkeit bei hoher kinetischer Energie, die gerade bei Kaufunktionen häufig auftritt (Kirschkerneffekt).

Es wurden die unterschiedlichsten Implantatformen entwickelt. Durchgesetzt haben sich weitgehend zylinder- oder schraubenförmige Implantate (Abb. 2.1). Sie sind relativ klein und grazil gestaltet, da das Platzangebot im Kieferknochen meistens sehr begrenzt ist. Die spezielle Form der Zylinder- und Schraubenimplantate wurde in umfangreichen Untersuchungen ermittelt. Sie ist den besonderen Bedürfnissen (Kieferform und Belastung) angepasst.

Die meisten Implantate heilen zunächst über einige Monate unbelastet ein und werden erst dann mit einer künstlichen Zahnkrone versorgt. Die Verbindung dieser Krone mit dem Implantat erfolgt in der Regel über eine Steck-Schraubverbindung, das sich im Inneren des Implantates befindet (Abb. 2.2). Die Aufbauten werden in diesem Gewinde verschraubt oder zementiert.

Abb. 2.3:
Wurzelrest im Kiefer

Abb. 2.4:
Sofortimplantation nach Entfernung des reizlosen Wurzelrestes mit Abdeckschraube verschlossen

In einigen Fällen werden die Implantate am gleichen Tag wie die Entfernung der Zähne eingesetzt. Man spricht dann von einer Sofortimplantation (Abb. 2.3, 2.4). Wenn die Eingliederung des Zahnersatzes als Stegprothese oder als provisorische Krone innerhalb der ersten 24 Stunden direkt auf den frisch gesetzten Implantaten befestigt wird, dann wird auch von einer Sofortbelastung gesprochen. Für eine Sofortimplantation und Sofortbelastung müssen wichtige Kriterien erfüllt werden. Hierzu zählen ein ausreichendes Knochenangebot in Höhe und Breite, damit ein möglichst groß dimensioniertes Implantat gesetzt werden kann, entzündungsfreie Verhältnisse und eine gute Mitarbeit der Patienten. Wichtig ist auch, dass die Patienten ihre „neuen Zähne“ zunächst nur sehr vorsichtig benutzen, denn bei der Stabilität der neugesetzten Implantate handelt es sich zunächst um eine mechanische Stabilität, die in eine biologische Stabilität umgewandelt wird. Vergleichbar ist ein gebrochener Arm, mit dem man ja auch nicht nach einer Eingipsung sofort Tennis spielen gehen sollte. Aber nach der Knochenbruchheilung wird das Tennis spielen genauso gut funktionieren wie vor der Verletzung. In ähnlicher Weise funktioniert das Einwachsen der Implantate.

Die Oberfläche ist bei den verschiedenen Systemen sehr unterschiedlich gestaltet. In den Anfängen waren glatte und polierte Oberflächen vorhanden. Heute ist man der Auffassung, dass neben einer Makroretention des Implantatdesigns (.z. B. unterschiedliche konische und zylindrische  Schraubenformen) die Mikroretention eine sehr wichtige Rolle einnimmt. Hierfür werden die Oberflächen entweder additiv (auftragend) oder ablativ (abtragend) behandelt. Ziel ist es eine Mikrorauigkeit der Implantatoberfläche zu erhalten, die zu einer deutlichen Vergrößerung der Implantatoberfläche führt und entsprechend zu einer Vergrößerung der Kontaktfläche zum Knochen. Dies wiederum hat eine höhere Stabilität im Knochen und eine beschleunigte Einheilung zur Folge. Einige Implantatfirmen setzen aktive Oberflächen ein, von denen eine schnellere Einheilung und ein größerer Verbund der Implantate mit dem Kieferknochen ausgehen soll.

Die Entwicklung der letzten Jahre ist durch einen Trend zu möglichst kleinen Implantaten gekennzeichnet. Dies hat einen großen Vorteil: Wenn es tatsächlich einmal zum Verlust des Implantates kommt, dann entstehen keine umfangreichen Schäden am Knochen, und erneute Einpflanzungen sind sogar zeitnah zum Implantatverlust möglich. Es wird bei einem Misserfolg also kein Nachteil für den Patienten entstehen.

Da die Implantate durch die Mundschleimhaut treten müssen, damit eine künstliche Zahnkrone oder eine Prothese darauf befestigt werden kann, entstehen Probleme, wie sie bei anderen Implantaten im menschlichen Körper, etwa beim künstlichen Hüftgelenk, nicht bestehen. Die bes­ten Ergebnisse finden sich, wenn das Implantat im Bereich dieser Durchtrittsstelle, also am Halsteil, besonders glatt und hochglanzpoliert ist. Dann kann sich die Schleimhaut sehr dicht anlagern und dadurch verhindern, dass Bakterien aus der Mundhöhle in den Kieferknochen einwandern und zu Entzündungen führen. Die glatten Flächen lassen sich mit entsprechenden Hilfsmitteln sehr gut reinigen und erleichtern dem Patienten die für den Langzeiterfolg wichtige Mundhygiene.

Zusammenfassung: Implantate

Implantatteile:
Implantate, die im Knochen verankert werden, bestehen aus einem Körper (im Knochen), einem Halsteil (Schleimhautdurchtritt) und einem Kopfteil zur Aufnahme der künstlichen Zahnkrone.

Implantateinheilung:
Die beste Form der Einheilung ist das feste Einwachsen der Implantatkörper im Knochen.

Implantatformen:
Wurzel-, zylinder- und schraubenförmige Implantate werden am häufigsten in den Kiefer eingepflanzt.

Implantatoberfläche:
Die Implantatoberfläche sollte eine Makro- (z. B. schrauben- oder wurzelförmige Form) und Mikroretention (raue Oberfläche) aufweisen.

Sofortimplantate und Sofortbelastung:
Unter Sofortimplantaten versteht man das Setzen des Implantates unmittelbar nach dem Entfernen eines  Zahnes. Die Sofortbelastung bedeutet, dass das Implantat innerhalb der ersten 24 Stunden direkt provisorisch oder definitiv mit einem Zahnersatz versorgt und belastet wird. Dieses sollte aber nur in Ausnahmen und strengen Indikationen erfolgen.