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J. Tetsch / P. Tetsch
Zahnärztliche
Implantate
Ein Ratgeber für Patienten
5. überarbeitete Auflage
Auf die Möglichkeit, zahnlose Patienten mit Implantaten zuversorgen, wurde bereits in der Einleitung hingewiesen. Zunächst lässt sich nach einem vollständigen Zahnverlust in der Regel eine Prothese anfertigen, die einen guten Halt hat. Trotzdem empfehlen wir auch bei gutem Prothesensitz zu implantieren, da bei der Fehlbelastung durch den Prothesendruck derKieferknochen zurückgeht. Die Implantate sorgen für sehr guten Prothesensitz und schützen den Kieferknochen vor Knochenabbau. Häufig kommen die Patientenaber erst, wenn der Knochen weit abgebaut ist und der Prothesensitz sehr schlecht ist. In diesen Fällen wird das Implantieren deutlich schwieriger, da eine Mindesthöhe an Knochen als Implantatlager vorhanden sein muss (Abb. 3.1 bis 3.4).

Abb. 3.1:
Gut ausgeprägter idealer Kiefer mit nur geringem Knochenverlust in der Höhe

Abb. 3.2:
Gut ausgeprägter Kieferknochen für das Einsetzen von Implantaten

Abb. 3.3:
Sehr gering dimensionierter, grenzwertiger Kieferknochen

Abb. 3.4:
Optimale Ausnutzung des geringen Knochenangebotes
Im Oberkiefer kann in den meisten Fällen ein guter Prothesensitzdurch einen Saugeffekt erzielt werden. Je weiter der Kieferknochen aber im Laufe der Jahre abgebaut wird, desto schwieriger wird es, einen ausreichendenHalt zu erzielen. Im Unterkiefer hat eine Prothese nach Knochenverlust auch bei sorgfältigstem zahnärztlichen Arbeiten und dem Einsatz aufwendiger Abform- und Registrierverfahren nur wenig Halt. Implantate sind für viele Patienten die letzte Hoffnung.
Beispiele
Am Beispiel einiger Krankengeschichten aus der zahnärztlichen Praxis sollen die besonderen Schwierigkeiten zahnloser Patienten verdeutlicht werden.
Eine 58-jährige Arztwitwe führt ihren frühzeitigen Zahnverlust auf die schlechte Ernährung und die schlechte zahnärztliche Versorgung in der Nachkriegszeit zurück. Sie ist völlig verzweifelt und bringt in einer Plastiktüte 18 Prothesen mit, die im Laufe der letzten Jahre von verschiedenen Zahnärzten angefertigt und immer wieder geändert wurden. An den Prothesen im Mund der Patientin sind keine Mängel festzustellen. Die Unterkieferprothese hält allerdings nicht und hebt sich bereits bei der Mundöffnung und bei jeder Bewegung der Lippe und Zunge von der Unterlage. Auch die Verwendung von Haftmitteln bringt keine Besserung.
Im Gespräch wird deutlich, dass die Patientin die Prothese nur dann trägt, wenn sie in Gesellschaft ist. Sie hat jeden Mut verloren und bekennt, dass sie immer häufiger daran denkt, ihrem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. Der Auslöser für einen weiteren Versuch, die Situation zu verbessern, war ein gemeinsames Essen mit ihren beiden erwachsenen Söhnen in einem Restaurant. Sie hatte extra nur weiche Speisen bestellt und sich sehr bemüht, vorsichtig zu essen. Aber die Essgeräusche waren – bedingt durch die instabilen Prothesen – deutlich vernehmbar, und das war ihr selbst und ihren Söhnen sehr peinlich. Von den Söhnen wurde sie direkt auf das „Klappern“ der Prothesen angesprochen. Einer von ihnen hatte von der Möglichkeit zahnärztlicher Implantate gelesen, und beide bedrängten ihre Mutter, einen Zahnarzt aufzusuchen, der sich auf diesem Gebiet auskennt.
Zu einem Alptraum wurde für einen Aufsichtsratsvorsitzenden ein Erlebnis im belebten Frankfurter Flughafen. Er trug in jeder Hand einen Koffer und musste plötzlich niesen. Dabei fiel seine Prothese aus dem Munde, die er unter dem schadenfrohen Gelächter anderer Flugreisender wiedersuchen musste.
In einem weiteren Fall handelt es sich um einen Bankdirektor, der beim Sprechen mit der Zunge seine Prothese festhalten musste. Alle Gespräche mit Kunden und Geschäftsfreunden und die vielen „Arbeitsessen“ wurden für ihn zur Qual. Er beschloss, sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen zu lassen.
Seinen Beruf aufgeben musste auch ein 42-jähriger Blasmusiker, da er mit seiner Prothese enorme Schwierigkeiten beim Ansatz des Instrumentes hatte. Er war nicht mehr in der Lage, in einem großen Orchester Trompete zu spielen.
Der pensionierte Geschäftsführer eines großen Unternehmens fasst seine Erfahrung mit den Prothesen so zusammen: „Ich habe jetzt viel Zeit und ein gutes Auskommen. Am meisten Freude hätte ich am Essen und Zusammensein mit meinen Freunden. Und gerade das geht nicht, weil ich mit meinen Prothesen nicht fertig werde. Am liebsten esse ich, auf den Felgen zu Hause, aber dann bekomme ich jedesmal Ärger mit meiner Familie.“
Ein sympathisches älteres Ehepaar kommt in die Praxis und erzählt eine Geschichte, die vielleicht manchen erheitern wird, die aber aus der Sicht der Betroffenen absolut nicht amüsant ist. Sie hatten mehrere Jahre auf eine Kreuzfahrt gespart und waren endlich in der Lage, sich diesen Traum zu erfüllen. Eine vollständig neue Garderobe wurde eingepackt. Bei der Ehefrau war die untere Prothese erst vor wenigen Wochen erneut unterfüttert worden, da sie aufgrund der ungünstigen Kieferverhältnisse immer weniger Halt fand. An Bord des Traumschiffes wurde sie am zweiten Tag seekrank mit Übelkeit und Erbrechen. Dabei ging ihre Unterkieferprothese über Bord. Den Rest der Reise verbrachte sie in ihrer Kabine.

Abb. 3_5:
Kugelknöpfe im Mund

Abb. 3_6:
Prothesenansicht von unten mit eingearbeiteten Sekundärteilen
Diese Beispiele ließen sich endlos fortführen. Sie zeigen die Probleme bei der Versorgung zahnloser Kiefer, wie sie immer wieder geschildert werden. Mit Hilfe sehr einfacher Maßnahmen kann durch die Einpflanzung künstlicher Zahnwurzeln eine instabile Prothese soweit befestigt werden, dass die Kau- und Sprechfunktion wieder hergestellt ist. Manchmal kann die alte Prothese weiterverwendet werden, in dem man in die Prothesenbasis Sekundärteile einarbeitet, die für Halt sorgen (Abb. 3.5, 3.6). Bei aufwendigeren Steg- oder Teleskoparbeiten muss auch der Zahnersatz der auf den Implantaten fixiert wird neu angefertigt werden. Diese Arbeiten werden dann brückenartig und sehr grazil gestaltet. (Abb. 3.7 bis 3.12).

Abb. 3_7:
Individuelle Stegversorgung aus Stahl auf vier Implantaten im zahnlosen Unterkiefer

Abb. 3_8:
Individuelle Stegversorgung aus Gold auf vier Implantaten im zahnlosen Unterkiefer

Abb. 3_9:
Prothesenansicht von unten mit grazil eingearbeiteten Halteelementen

Abb. 3_10:
Zahnloser Oberkiefer mit 6 Galvano-Teleskopen

Abb. 3_11:
Prothesenansicht von unten mit grazil eingearbeiteten Halteelementen

Abb. 3_12:
Prothesenansicht von vorne mit individuell gearbeitetem Kunststoffanteil um die Lippen und Wangen zu stützen (Verjüngung)
Ein Bankkaufmann, der auf diese Weise behandelt wurde, kommentiert glücklich den Behandlungserfolg mit den Worten: „Das ist das Beste, was mir passieren konnte! Wenn ich jetzt bei Kunden schlecht sitzende Prothesen bemerke, ärgere ich mich jedes Mal, weil ich sie nicht direkt darauf ansprechen kann.“
In bestimmten Situationen kann auch die Versorgung durch einen festsitzenden Zahnersatz, also durch eine Brücke, sinnvoll sein (Abb. 3.13, 3.14). Hier müssen allerdings relativ viele Pfeiler eingepflanzt werden. Mit der Anfertigung einer Brücke entstehen gewisse Probleme bei der notwendigen Mundhygiene und natürlich sehr hohe Kosten. Daher wird sie nur in besonderen Fällen in Frage kommen.

Abb. 3.13:
Zahnloser Unterkiefer mit 8 Implantaten festsitzend versorgt

Abb. 3.14:
Ansicht der einzementierten Brücke
Seltener finden sich prothetische Probleme bei Zahnlosigkeit im Oberkiefer. Dennoch können auch hier Schwierigkeiten auftreten, wie die folgende Krankengeschichte zeigt:
Eine 50-jährige Patientin hat alle Zähne im Oberkiefer verloren, da Zahnbehandlungen nach ihren Angaben immer ausgesprochen schwierig waren. Jede Berührung ihres Kiefers führte zu einem Würgereiz, der zur Unterbrechung der Behandlung zwang. Zuletzt ist sie nur noch bei Zahnschmerzen und zum Zähneziehen in die Praxis gegangen. Das Anfertigen der Prothesen war nur nach der Einnahme von Beruhigungstabletten möglich. Sie berichtet, dass sie bei jedem Kieferabdruck habe erbrechen müssen.
Die Prothese mit der Gaumenplatte könne sie nur kurzfristig tragen, und jedes Einsetzen sei mit einem Würgereiz verbunden. Meistens liegt die Prothese im Zahnputzbecher. Bereits bei der Untersuchung wird der gesteigerte Würgereiz deutlich.
Bei dieser Ausgangssituation kann nicht in allen Fällen durch den Einsatz von Implantaten geholfen werden. Im Oberkiefer ist die Knochensituation meist ungünstiger als im Unterkiefer. Wenn allerdings ausreichend Knochen vorhanden ist oder geschaffen werden kann, lässt sich durch die Einpflanzung einiger Pfeiler die Prothese erheblich verkleinern und in Einzelfällen sogar eine Brücke anfertigen. Der Zahnersatz kann dann ohne jeden Würgereiz getragen werden (Abb. 3.15 bis 3.18).

Abb. 3.15:
Zahnloser Oberkiefer mit sieben Implantaten versorgt

Abb. 3.16:
Eingeschraubte Unterkonstruktion zur Befestigung des zahntragenden Anteils

Abb. 3.17:
Eingesetzte herausnehmbare, gaumenfreie Brücke

Abb. 3.18:
Eine zufriedene Patientin
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