J. Tetsch / P. Tetsch

Zahnärztliche
Implantate


Ein Ratgeber für Patienten

5. überarbeitete Auflage

3.2 Verkürzte Zahnreihen (Freiendsituation)

Normalerweise sind für die Anfertigung einer Brücke mindestens zwei Zähne notwendig. Diese werden beschliffen und mit künstlichen Zahnkronen versehen, die ein Brückenglied tragen.

Die Backenzähne sind häufig die ersten Zähne, die entfernt und ersetzt werden müssen. Wenn alle Backenzähne einer Kieferhälfte fehlen, spricht man von einer verkürzten Zahnreihe oder einer Freiendsituation. Hier fehlt der für eine Brücke notwendige hintere Pfeiler (Abb. 3.19 bis 3.21).

Abb. 3.19:
Röntgenbild einer beidseitigen Freiendsituation im Unterkiefer und einer Schaltlücke im Oberkiefer

Abb. 3.20:
Freiendsituation mit zwei eingesetzten Implantaten

Abb. 3.21:
Eingliederung einer verschraubten Brücke mit einem Drehmomentschlüssel

Mit den herkömmlichen Verfahren der zahnärztlichen Prothetik kann eine derartige Situation nur durch eine herausnehmbare Teilprothese versorgt werden. Dies ist besonders ungünstig, wenn nur auf einer Seite Backenzähne fehlen, da die Prothese auch auf der noch bezahnten, anderen Seite ebenfalls abgestützt werden muss. Nur so lässt sich ein ausreichender Halt, eine Verschlucken und eine Aspiration des Zahnersatzes erzielen. Diese Prothesen haben deshalb einen entsprechenden Bügel, der im Oberkiefer über den Gaumen und im Unterkiefer unter der Zunge verläuft. Der Halt wird durch Klammern oder komplizierte Elemente (Geschiebe, Druckknöpfe, Attachments, Teleskope) erreicht. Die Prothesen müssen täglich vom Patienten herausgenommen und sorgfältig gereinigt werden.

Am Beispiel einer 18-jährigen Patientin soll dargestellt werden, wie problematisch diese Versorgung sein kann. Die Patientin hatte vor zwei Jahren die letzten Backenzähne im linken Unterkiefer verloren. Von ihrem Zahnarzt wurde sie darüber aufgeklärt, dass nur eine Versorgung durch herausnehmbaren Zahnersatz möglich sei. Sie bekam zunächst einen gehörigen Schrecken, ließ sich dann aber die Prothese anfertigen. In den ersten Wochen hat die junge Patientin den Zahnersatz getragen, konnte sich aber nicht mit dieser Art der Versorgung abfinden. Wenn sie mit ihrem Freund ausging, blieb die Prothese zu Hause und wurde schließlich überhaupt nicht mehr getragen. Die Zahnlücke war selbst beim Lachen kaum sichtbar, und das Kauen ging auch ohne die Prothese, da auf der anderen Seite noch Zähne vorhanden waren.

Innerhalb von knapp zwei Jahren war der letzte obere Backenzahn heruntergewachsen, sodass er beim Zusammenbeißen im hinteren Abschnitt fast die Schleimhaut des Unterkiefers berührte.

Diese Situation ist jetzt ausgesprochen schwierig zu versorgen, da der Platz zwischen dem unbezahnten Unterkiefer und der oberen Zahnreihe sehr begrenzt ist. Als Grundregel gilt deshalb, dass fehlende Zähne möglichst bald zu ersetzen sind, damit die Restzähne nicht „wandern“, herauswachsen oder kippen.

Mit Hilfe künstlicher Zahnwurzeln kann bei derartig verkürzten Zahnreihen im Unterkiefer eine Brücke ­angefertigt werden. Damit lassen sich das „Herunterwachsen“ oder „Heraufwachsen“ (Elongation) der Gegenzähne so wie das Kippen verhindern und die Kaufunktion mit einem festsitzenden Zahnersatz wiederherstellen.

Im Oberkiefer ist diese Situation schwieriger zu lösen, da hier durch die Ausdehnung der Kieferhöhle das Knochenangebot meist erheblich geringer ist.

In jedem Fall kann – sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer – anhand einer entsprechenden Untersuchung und einer Röntgenaufnahme die Entscheidung über eine mögliche Einpflanzung getroffen werden. Im Oberkiefer ist dazu häufig ein Volumentomogramm (DVT) oder ein Computertomogramm (CT) notwendig.